Tegel offen halten –
zu welchem Preis?

Ein Bei­trag von Dr. Ralf Zep­per­nick

Wer ernst­haft für die Fort­füh­rung Tegels ein­tritt, muss gleich­zei­tig auf die mit sehr gro­ßer Wahr­schein­lich­keit zu erwar­ten­den erheb­li­chen Kos­ten und Risi­ken einer sol­chen Ent­schei­dung hin­wei­sen.

1. Vollständige Sanierung

Zur Opti­on „Tegel fort­füh­ren“ gehört, dass dann der seit meh­re­ren Jah­ren völ­lig maro­de Flug­ha­fen Tegel (Stich­wor­te: abriss­rei­fe Hal­len, reno­vie­rungs­be­dürf­ti­ge Start­bah­nen, nicht mehr zumut­ba­re Toi­let­ten, völ­lig ver­al­te­te För­der­bän­der etc.) voll­stän­dig saniert wer­den müss­te. Ins­be­son­de­re müss­te der Flug­ha­fen dann an die heu­te (!) gül­ti­gen Anfor­de­run­gen für Feu­er­schutz und Sicher­heit ange­passt wer­den. Wei­te­re erheb­li­che Kos­ten und zeit­li­che Risi­ken wären die Fol­ge. Die jah­re­lan­gen Ver­zö­ge­run­gen des Flug­ha­fens BER hän­gen maß­geb­lich auch mit sehr schwie­ri­gen, bis heu­te nicht gelös­ten tech­ni­schen Pro­ble­men des Feu­er­schut­zes und der Sicher­heit zusam­men. Es ist schlech­ter­dings mehr als naiv zu glau­ben, ähn­li­che Pro­ble­me wür­den in Tegel nicht auf­tre­ten.

Der Flug­ha­fen­chef Tegels hat die Kos­ten der Sanie­rung soeben über­schlä­gig auf rund 1 Mrd. € geschätzt. Nach viel­fäl­ti­gen Erfah­run­gen mit Kos­ten­stei­ge­run­gen bei öffent­li­chen Groß­pro­jek­ten dürf­ten die tat­säch­li­chen Kos­ten aller­dings um ein Viel­fa­ches höher lie­gen. Nur zur Erin­ne­rung: Der neue Flug­ha­fen in Ber­lin soll­te ursprüng­lich 2 Mrd. € kos­ten. Bis heu­te sind vom Steu­er­zah­ler bereits Kos­ten in Höhe von 5,4 Mrd. € bezahlt wor­den – mit wei­ter stei­gen­der Ten­denz.

2. Die fragwürdigen Gewinne Tegels

Auch der Ver­such, die Fort­füh­rung Tegels mit nach­weis­li­chen Gewin­nen des Flug­ha­fens Tegel der letz­ten Jah­re schmack­haft zu machen, ist irre­füh­rend. Die Gewin­ne sind ganz maß­geb­lich dadurch zustan­de gekom­men, dass zwin­gend nöti­ge Repa­ra­tu­ren und Erneue­rungs­ar­bei­ten seit meh­re­ren Jah­ren unter­blie­ben sind. Tegel wur­de auf Ver­schleiß gefah­ren. Spä­tes­tens bei einer Fort­füh­rung Tegels wür­den die­se Kos­ten en bloc anfal­len und die Gewin­ne sofort erheb­lich ein­bre­chen. Einen wei­te­ren beträcht­li­chen Bei­trag zu den Gewin­nen lie­fern die (nicht zuläs­si­gen) Nacht­flü­ge auf Tegel, inzwi­schen auf fast 10.000 im Jahr ange­stie­gen. Sofern das vom Ber­li­ner Senat seit Jah­ren zuge­sag­te Nacht­flug­ver­bot strikt ein­ge­hal­ten wür­de, evtl. sogar durch Gerich­te erzwun­gen, wür­den die Gewin­ne Tegels wei­ter­hin spür­bar zurück­ge­hen. Nicht zu unter­schät­zen sind schließ­lich die per­ma­nen­ten Kos­ten bei der Bedie­nung von zwei statt nur eines Flug­ha­fens. Nach Ein­schät­zung der Betrei­ber ent­stün­den dadurch wei­te­re Kos­ten in einer Grö­ßen­ord­nung von 100 bis 200 Mio. € pro Jahr. Kurz­um, das Risi­ko, dass Tegel statt erfreu­li­cher Gewin­ne län­ger­fris­tig zu einer per­ma­nen­ten Ver­lust­quel­le und damit spür­ba­ren Belas­tung des Steu­er­zah­lers wür­de, ist nicht von der Hand zu wei­sen.

3. Zwingende Maßnahmen zum Schallschutz

Wei­te­re erheb­li­che Kos­ten ent­stün­den sofern Tegel fort­ge­führt wür­de, durch die dann zwin­gend zu finan­zie­ren­den Maß­nah­men für Schall­schutz. Nach den Erfah­run­gen von Schö­ne­feld, wo die ursprüng­lich geschätz­ten Kos­ten für Schall­schutz auf­grund der Urtei­le der Gerich­te inzwi­schen um ein Viel­fa­ches höher sind als die ursprüng­lich ein­mal ange­setz­ten Kos­ten (angeb­lich 700 % bis 800 % teu­rer), besteht ein ähn­li­ches Risi­ko für Tegel. Nach einer Schät­zung der Flug­ge­sell­schaft dürf­ten die Kos­ten für Schall­schutz in Tegel min­des­tens in einer Grö­ßen­ord­nung von 400 Mio. €, lie­gen, ver­mut­lich aber noch wesent­lich höher.

4. Schadensersatz für verbindliche Zusagen

Wei­te­re heu­te über­haupt noch nicht bezif­fer­ba­re Kos­ten könn­ten  durch Scha­dens­er­satz­an­sprü­che ent­ste­hen. Alle Regie­run­gen von Ber­lin haben in den letz­ten 20 Jah­ren den Men­schen die ver­bind­li­che Zusa­ge gege­ben, auch schrift­lich, dass Tegel geschlos­sen wird. Sofern die­se Zusa­ge gebro­chen wür­de, stellt sich sofort die Fra­ge: Wel­che Scha­dens­er­satz­an­sprü­che könn­ten betrof­fe­ne Bür­ger und Unter­neh­men vor Gerich­ten gegen die Ber­li­ner Regie­rung gel­tend machen?

5. Schließung Tegels durch Gerichtsentscheid

Nicht aus­zu­den­ken ist schließ­lich, wel­che Kos­ten ent­stün­den, wenn das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt bei sei­ner bis­her ver­tre­te­nen Auf­fas­sung blie­be, Tegel müs­se sechs Mona­te nach Inbe­trieb­nah­me des neu­en Flug­ha­fens zwin­gend geschlos­sen wer­den.
Auch das schein­bar wich­tigs­te Argu­ment der Befür­wor­ter, Ber­lin brau­che Tegel, da heu­te bereits über 32 Mil­lio­nen Pas­sa­gie­re pro Jahr abge­fer­tigt wer­den mit wei­ter­hin stei­gen­der Ten­denz, ist nicht stich­hal­tig. Ein Blick z.B. nach Lon­don Heathrow zeigt, dass dort – mit nur zwei Start- und Lan­de­bah­nen — sogar rd. 70 Mil­lio­nen Pas­sa­gie­re abge­fer­tigt wer­den kön­nen.

Fazit: Begeisterung für Tegel reicht nicht.
Stimmen Sie beim Volksentscheid mit NEIN!

Bei aller ver­ständ­li­chen Begeis­te­rung für Tegel: Es reicht nicht, die Wei­ter­füh­rung Tegels der Ber­li­ner Bevöl­ke­rung in den schöns­ten Far­ben zu schil­dern, die ganz erheb­li­chen Kos­ten und Risi­ken aber zu baga­tel­li­sie­ren oder gar zu igno­rie­ren. Die Men­schen in Ber­lin müs­sen sich ent­schei­den: Die Steu­er­zah­ler, also wir, haben ins­ge­samt bereits 5,4 Mrd. €, für das Mil­li­ar­den­grab des neu­en Flug­ha­fens BER bezahlt. Die meis­ten haben es nur noch nicht gemerkt. Wol­len die Steu­er­zah­ler – trotz die­ser schreck­li­chen Erfah­run­gen – sich wirk­lich auf das neue, zusätz­li­che Risi­ko eines min­des­tens zwei Mil­li­ar­den kos­ten­den Flug­ha­fens Tegel (wahr­schein­lich sogar wesent­lich mehr) ein­las­sen oder nicht? Wer dies ver­hin­dern will, muss bei dem Volks­ent­scheid am 24. Sep­tem­ber mit NEIN stim­men.