Offener Brief

Logo von Tegel schllißen. Zukunft öffnen.

Offener Brief der Bürgerinitiativen im Bündnis „Tegel schliessen – Zukunft öffnen“

An den Regie­ren­den Bür­ger­meis­ter von Ber­lin, Micha­el Mül­ler und die Frak­tio­nen von SPD, Bünd­nis 90 / Die Grü­nen und Die Lin­ke im Abge­ord­ne­ten­haus von Ber­lin

Sehr geehr­ter Herr Regie­ren­der Bür­ger­meis­ter Mül­ler,
sehr geehr­te Damen und Her­ren Abge­ord­ne­te,

der vor allem von der Ber­li­ner FDP betrie­be­ne Volks­ent­scheid zum Flug­ha­fen Tegel hat­te zum Ergeb­nis, dass 56,4% der teil­neh­men­den Wahl­be­rech­tig­ten mit „Ja“ und 41,7% mit „Nein“ gestimmt haben.

Das müs­sen wir – auch als unmit­tel­bar Betrof­fe­ne — so zur Kennt­nis neh­men. Es lohnt sich jedoch für alle, ins­be­son­de­re aber für Sie, bei der Bewer­tung des Ergeb­nis­ses genau­er hin­zu­schau­en.

Nach dem amt­li­chen End­ergeb­nis gab es 994.916 Ja-Stim­men und 738.024 Nein-Stim­men. Es gibt ca. 300.000 Men­schen, die von gesund­heits­schä­di­gen­dem Lärm und Abga­sen aus dem Flug­be­trieb in Tegel betrof­fen sind, von denen aber weni­ger als 200.000 wahl­be­rech­tigt sind. Das heißt, über 535.000 nicht unmit­tel­bar betrof­fe­ne Men­schen haben mit Nein gestimmt! Auch die­se Stim­men dür­fen, neben denen der unmit­tel­bar Betrof­fe­nen, nicht ein­fach igno­riert wer­den.

Die FDP, gefolgt von AfD und CDU und ihren Unter­stüt­zern in den Medi­en, wer­ten jetzt das Ergeb­nis des Volks­ent­scheids nach dem Mot­to „The Win­ner takes it all“. Sie tun so, als wenn aus der unver­bind­li­chen Auf­for­de­rung an den Senat — denn einen Geset­zes­ent­wurf gab es ja wohl­weis­lich nicht – nun doch eine ver­bind­li­che Vor­ga­be zum Han­deln, qua­si eine Geset­zes­vor­la­ge gewor­den sei, der der Senat zu fol­gen hat.

Das ist aber nicht rich­tig.

Wie wir alle aus Ana­ly­sen und Berich­ten wis­sen, spei­sen sich die 56,4% Ja-Stim­men aus einer Viel­zahl von Moti­ven. Noch immer liegt kein ver­bind­li­cher Ter­min zur Eröff­nung des BER vor. Die fal­sche Behaup­tung, der BER sei zu klein, hat sich durch stän­di­ge Wie­der­ho­lung in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung fest­ge­setzt. Miet­erhö­hun­gen im Umfeld des alten Flug­ha­fens wer­den befürch­tet. Auch die Angst vor dem Ver­lust von Arbeits­plät­zen am Flug­ha­fen spiel­te bei der Stimm­ab­ga­be eine Rol­le. Das Kon­zept zur Nach­nut­zung des Are­als am Flug­ha­fen Tegel ist den meis­ten Men­schen bis heu­te kaum bekannt. Nicht zuletzt ver­bin­den vie­le Men­schen im West­teil der Stadt mit TXL viel Nost­al­gie. Vor allem aber ist die Bequem­lich­keit vie­ler ein ent­schei­den­des Motiv gewe­sen, für die Offen­hal­tung von TXL zu stim­men.

Die „Tegel-Ret­ter“ sug­ge­rie­ren, dass eine Mehr­heit sich über das Schutz­be­dürf­nis einer Min­der­heit von 300.000 Ein­woh­nern per „Volks­ent­scheid“ hin­weg­set­zen kann. Es ist jedoch Auf­ga­be des Staa­tes und der poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­ger, die­se Men­schen als die ihnen anver­trau­ten Schutz­be­foh­le­nen vor Beein­träch­ti­gun­gen ihrer kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit und Gesund­heit zu schüt­zen. Der Senat und das Abge­ord­ne­ten­haus haben die Pflicht, die­sen poli­tisch-mora­li­schen Aspekt bei den nun aus dem Volks­ent­scheid zu zie­hen­den Schluss­fol­ge­run­gen in den Vor­der­grund zu stel­len.

Bei öffent­li­chen Pla­nungs­ent­schei­dun­gen kön­nen die Betrof­fe­nen sogar einen ver­fas­sungs­recht­li­chen Anspruch auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit ablei­ten. Dazu die­nen die in Deutsch­land gel­ten­den Ver­fah­ren im Rah­men der Lan­des­pla­nung und Bau­leit­pla­nung, die im Abwä­gungs­pro­zess genau die­se Rech­te sichern sol­len.

Auch Lärm­schutz­maß­nah­men in und an Gebäu­den kön­nen die­se Rech­te nicht außer Kraft set­zen, da zu Woh­nun­gen auch Bal­ko­ne und Gär­ten sowie öffent­li­che Räu­me gehö­ren. Dar­über hin­aus befin­den sich im Ein­zugs- und Lärm­be­reich des Flug­ha­fens zahl­rei­che Kran­ken­häu­ser, Kin­der­ta­ges­stät­ten und Schu­len.

Des­halb erwächst aus dem Ergeb­nis zum Volks­ent­scheid für den Senat und die Regie­rungs­ko­ali­ti­on das kla­re Man­dat, selbst­be­wusst und offen auf Vol­kes Stim­me ein­zu­ge­hen — nicht nur der Freun­de des alten Flug­ha­fens, son­dern auch der­je­ni­gen, die aus unmit­tel­ba­rer Betrof­fen­heit und aus Über­zeu­gung für die Schlie­ßung von Tegel gestimmt haben.

Die im Bünd­nis „Tegel­schlies­sen-Zukunft­öff­nen“ zusam­men­ge­schlos­se­nen Bür­ger­initia­ti­ven wer­den wei­ter kämp­fen mit dem Ziel, die Schlie­ßung des alten Flug­ha­fens Tegel zu errei­chen. Wir erin­nern erneut an den gül­ti­gen Kon­sens­be­schluss mit den sich dar­aus erge­ben­den Kon­se­quen­zen. In die­sem Zusam­men­hang haben wir mit Befrie­di­gung Ihre Aus­sa­ge zur Kennt­nis genom­men, dass Sie die Auf­for­de­rung des Volks­ent­scheids für prak­tisch nicht umsetz­bar und in der Sache für falsch hal­ten.

Die FDP, AfD und Tei­le der CDU in Ber­lin drän­gen dar­auf, die aus ihrer Sicht erfor­der­li­chen nächs­ten Schrit­te ein­zu­lei­ten. Des­halb for­dern wir vom Senat und der Regie­rungs­ko­ali­ti­on, jetzt die Füh­rungs­rol­le zu über­neh­men und zügig einen Fahr­plan für die nächs­ten Schrit­te vor­zu­le­gen.

Unse­re Vor­stel­lun­gen dazu – teil­wei­se bereits im „Fünf-Punk­te-Plan“ des Regie­ren­den Bür­ger­meis­ters ange­spro­chen — sind fol­gen­de:

  • Es ist drin­gend not­wen­dig, Klar­heit in der Rechts­la­ge zu schaf­fen. Alle recht­li­chen Risi­ken und Wider­sprü­che, die sich aus den gefor­der­ten Schrit­ten – „Wider­ruf des Wider­rufs“, Kün­di­gung des Ver­trags zur gemein­sa­men Lan­des­ent­wick­lungs­pla­nung und Ände­rung des LEP-FS erge­ben, sind in aller Deut­lich­keit und klar ver­ständ­lich her­aus­zu­ar­bei­ten.
  • Es muss end­lich kurz­fris­tig ein ver­bind­li­cher Ter­min für die BER-Eröff­nung benannt wer­den -ver­bun­den mit der Aus­sa­ge, mit wel­cher Eröff­nungs­ka­pa­zi­tät (Stich­wort „Double-Roof“-Konzept) dies gesche­hen wird.
    Vor­la­ge aller rele­van­ten Daten zu den BER-Kapa­zi­tä­ten und den Aus­bau­plä­nen (auch der Poten­zia­le). Hier­mit ver­bun­den muss ein aktua­li­sier­tes, nach öko­no­mi­schen und öko­lo­gi­schen Gesichts­punk­ten aus­ge­rich­te­tes Luft­ver­kehrs­kon­zept für die Regi­on ent­wi­ckelt wer­den.
  • Ermitt­lung und Dar­stel­lung der Gesamt­kos­ten eines Wei­ter­be­triebs von Tegel unter Berück­sich­ti­gung aller not­wen­di­gen Inves­ti­tio­nen für die Sanie­rung, die Anbin­dung an den Öffent­li­chen Nah­ver­kehr und ins­be­son­de­re für den Lärm­schutz.
  • Dazu ist die Vor­la­ge einer neu­en Lärm­kar­te als Basis für eine rea­lis­ti­sche Kos­ten­schät­zung für die Lärm­schutz­maß­nah­men nach den glei­chen Kri­te­ri­en wie am BER erfor­der­lich.
  • Eine Aus­sa­ge über die Kon­se­quen­zen für die Flug­rou­ten, falls BER und TXL par­al­lel betrie­ben wer­den sol­len — mit Stel­lung­nah­men der Deut­schen Flug­si­che­rung (DFS) und des Bun­des­auf­sichts­am­tes für Flug­si­che­rung (BAF).
  • Brei­te Dar­stel­lung und Erläu­te­rung des vor­lie­gen­den Nach­nut­zungs­kon­zepts zum Tegel-Are­al und sei­ner Umge­bung (Inte­grier­tes städ­te­bau­li­ches Ent­wick­lungs­kon­zept) mit sei­nen posi­ti­ven Aus­wir­kun­gen für alle Ber­li­ner Bür­ger, ins­be­son­de­re dem Mie­ter­schutz.

Die Bür­ger­initia­ti­ven erwar­ten die zügi­ge Umset­zung die­ses Maß­nah­men­ka­ta­logs. Wir wer­den den Pro­zess aktiv und kri­tisch beglei­ten und bie­ten unse­re Unter­stüt­zung an. Außer­dem wer­den wir Initia­ti­ven ent­wi­ckeln, um die nach­fol­gen­den Zie­le kurz­fris­tig zu errei­chen:

  • Für die Dau­er des bis zur Eröff­nung des BER not­wen­di­gen Wei­ter­be­triebs des TXL soll eine Vor­ga­be an die Senats­ver­wal­tung für Umwelt, Ver­kehr und Kli­ma­schutz erge­hen – mit dem Ziel einer äußerst restrik­ti­ven Hand­ha­bung 
der Aus­nah­me­ge­neh­mi­gun­gen für den Flug­be­trieb nach 23:00 Uhr und mit einer stren­ge­ren Über­prü­fung der Begrün­dun­gen. Die geplan­ten Flug­be­we­gun­gen mit Jum­bo Jets set­zen hier­zu das völ­lig fal­sche Signal und sind ein Hohn für die TXL Anwoh­ner.
  • Für alle von der FBB betrie­be­nen Flug­hä­fen muss die Ent­gelt­ord­nung ohne Aus­nah­me für alle Flug­ge­sell­schaf­ten durch­ge­setzt wer­den. Die Ver­ein­ba­run­gen zu ein­ge­räum­ten Rabat­ten bei den Ent­gel­ten sind zum nächst­mög­li­chen Ter­min zu kün­di­gen. Ins­be­son­de­re die Son­der­re­ge­lun­gen für die neu­en Air­lines in TXL müs­sen sofort been­det wer­den.

Wenn sich ins­ge­samt jedoch kei­ne kla­ren Per­spek­ti­ven für die vom Lärm betrof­fe­nen Bür­ger erge­ben, dann wer­den wir in Erwä­gung zie­hen, als ers­tes die Lärm­schutz­maß­nah­men ana­log zum BER ein­zu­for­dern und wei­te­re Kla­ge­we­ge zu prü­fen.

Die unter­zeich­nen­den Bür­ger­initia­ti­ven for­dern, dass der Ber­li­ner Senat, auch in Abwä­gung des Volks­ent­scheids, den bestehen­den Kon­sens­be­schluss wei­ter ver­folgt: Ers­tens die zügi­ge Fer­tig­stel­lung und Inbe­trieb­nah­me des BER und zwei­tens die Schlie­ßung des Flug­ha­fens Tegel spä­tes­tens sechs Mona­te nach die­ser Inbe­trieb­nah­me.

Mit freund­li­chem Gruß

Für die Bür­ger­initia­ti­ven

gez. Klaus Diet­rich

Ein Gedanke zu „Offener Brief

  1. Wir woh­nen in Pan­kow und dür­fen seit 7 Jah­ren die Flug­zeu­ge zäh­len, die an unse­rem Schaf­zim­mer­fens­ter vor­bei­schwe­ben zur Lan­dung in Tegel und — viel schlim­mer ! — die, die genau über unse­rem Haus den Schub­be­schleu­ni­ger rein­le­gen und — genau meis­tens dann, wenn son­ni­ges Wet­ter kommt — bei Ost­wind gen Him­mel jagen.

    Lärm ist das eine, Luft­ver­schmut­zung (öli­ger Film über allem in der Woh­nung ), was auf Dau­er wirk­lich gesund­heits­schäd­li­che Wir­kung hat!

    Daher plä­die­ren wir dafür — wenn wir das schon aus­hal­ten müs­sen soli­da­risch mit denen die ‘für Tegel‘ sind — für einen nament­li­chen Volks­ent­scheid. Alle, die mit ‘Ja‘ für Tegel stim­men müs­sen dar­auf­hin soli­da­risch eine Son­der­ab­ga­be zah­len, die als Ent­schä­di­gung denen zugu­te kommt, die in den Start- und Ein­flug­schnei­sen woh­nen.

    Span­nend, wie vie­le dann wohl noch ‘für Tegel‘ stim­men wür­den … !

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