Gedanken zu einem sterbenden Flughafen

Von Arild Brock, Kün­stler und Sozi­ologe (Berlin-Pankow)

Berliner Flughafengefühle
Arild Brock

Eine „gefühlte Ewigkeit“ hat sich der neue BER Flughafen verzögert. Auf dieses Gefühl kön­nen sich die Berlin­er bes­timmt eini­gen. Dann ist aber auch Schluss mit der gefühlten Einigkeit. Betr­e­f­fend weit­ere Gefüh­le tritt in erster Rei­he der Ärg­er der 300 000 von dem Fluglärm Tegels direkt betrof­fe­nen Anwohn­er auf. Sie mögen den Lärm nicht, und wollen deshalb den erwäh­n­ten Flughafen auch nicht weit­er­getrieben sehen. Gefühlt, und wohl auch rechtlich, ist das Schließen auch ver­sprochen gewor­den. „Danke Tegel“, sagen die Wed­dinger, die Reinick­endor­fer und die Span­dauer, für den Ein­satz als wichtig­ste Verbindung zwis­chen der West­stadt und ihrem fer­nen Umland während der Mauerzeit. Sie wollen aber auch möglichst schnell „Tschüss“ sagen, und kein „Auf Wieder­se­hen“.

Nur kurz dahin­ter melden sich die etwa 200 000 Men­schen die sich für einen Volk­sentscheid über das The­ma einge­set­zt haben. Sie wollen, dass der alte Flughafen in Betrieb bleibt. Obwohl jed­er Volk­sentscheid demokratisch begründ­bar ist, macht die Liebe zur Demokratie wohl kaum den wichtig­sten Antrieb für die zwei­hun­dert­tausend aus. Aber Liebe zu Tegel? Darauf komme ich zurück. Zunächst erwähne ich aber, dass Vielflieger, die bequem außer­halb der Ein­flugschneisen wohnen, und gern mit Taxi zum und vom Flughafen fahren (die fehlende Bah­n­verbindung ist ihnen egal), die kurze Anfahrzeit und auch die kurze Strecke vom Taxi zum Gate (man erspart sich den gefühlt ewigen Weg durch ein Einkaufzen­trum) bes­timmt schätzen. Diese Ein­schätzung ist ver­mut­lich gefühlt, und zugle­ich ego­is­tisch vernün­ftig.

Nur ist wohl fraglich, ob das ständi­ge Tax­i­fahren ökol­o­gisch-vernün­ftig ist. Liebe zu Tegel ist aber eine ern­ste Sache. Ich bin mein­er­seits nicht in Berlin aufgewach­sen, und kenne die geteilte Stadt während des kalten Krieges nur aus dem beque­men Blick­winkel des Besuch­ers. Ich kann nicht ganz ein­schätzen was der alte Flughafen Tegel für die Alt-Berlin­er bedeuten – und für ihren Nach­wuchs, denn die wichti­gen Erleb­nisse der Älteren set­zen sich auch in den Gefühlswel­ten der fol­gen­den Gen­er­a­tio­nen durch. Ich erin­nere mein­er­seits, dass mein Vater mir als Kind in den 50-Jahren von einem anderen Berlin­er Flughafen erzählte und von der Luft­brücke in den Jahren 1948/49. Das ver­lei­ht mir ein per­sön­lich­es Ver­hält­nis zu Tem­pel­hof und zu dem daneben­gele­ge­nen Denkmal am Platz der Luft­brücke. Wollen wir auch den Tegel­er Flughafen ehren? Ein Weit­er­be­trieb kön­nte auf eine Weise den alten Flughafen ehren. Es würde ihn aber auch „schaden“, denn wir müssen davon aus­ge­hen, dass Tegel sicher­heits­gemäß sehr aus­ge­laufen ist. Er ist nicht ein­mal deutschem Recht angepasst, wurde derzeit „Alli­iertem Recht“ entsprechend gebaut. Schon heute, wenn der

BER nur halb fer­tig ist, hätte man ver­mut­lich Tegel sofort schließen müssen, und schon halbfer­tig den neuen Flughafen BER in Betrieb nehmen müssen, falls die Stadt nur den sich­er­sten von den zwei Flughäfen nutzen dürfte!

Eine eventuelle Ren­ovierung des alten Flughafens in Tegel würde mil­liar­den­schwere Kosten erzeu­gen. Man spricht von 2 bis 5 Mil­liar­den Euro, die das BER-Desaster ver­dop­peln wür­den. Aber eine Ehrung erken­nt man nur beschränkt an den Kosten. Eine kreati­vere Ehrung ist aber schw­er zu find­en, das zeigt der schon geschlossene Flughafen Tem­pel­hof. Eben­so wie Tegel ist Tem­pel­hof eine Ehrung wert – ursprünglich der

Stolz Deutsch­lands und ein Vor­bild Europas (Hin­weis: vor der Nazi-Zeit geplant). Was ist aber Tem­pel­hof heute? Ein alter Flughafen ist lei­der meist ein Mon­ster. Außer des schon erwäh­n­ten Platzes mit Denkmal, ist der ehe­ma­lige Flughafen heute in zwei geteilt: Eine durch Volksab­stim­mung geschützte Frei­fläche und ein umfangsre­ich­er, aber schw­er zu nutzen­der Gebäudekom­plex.

Ein­mal wer­den wir den noch nicht gebore­nen, doch schon gequäl­ten, Berlin­er Flughafen Willy Brandt lieben ler­nen. Tem­pel­hof ist sein­er­seits mit fast 90 lei­der ein „Pflege­fall“ gewor­den. Ich kann die Berlin­er gut ver­ste­hen, die nicht auch den in die Jahre gekomme­nen Flughafen Tegel als „Pflege­fall“ sehen wollen. Aber wollen sie ihren geliebten Flughafen Tegel wirk­lich auf die „Inten­sivs­ta­tion“ schick­en? Mil­liar­den für einen Flughafen auf­brin­gen, der in die Gärten ein­er einge­mauerten Stadt gebaut wurde? Vielle­icht ist es Zeit für einen Neuan­fang. Kurz trauern, wie immer wenn die Zeit uns verge­ht, und dann: Der Geist TXLs — die Frei­heit? – darf auf andere Weise weit­er­leben.

Ein Gedanke zu „Gedanken zu einem sterbenden Flughafen

  1. Sehr geehrter Herr Brock, ich darf darauf hin­weisen, dass keineswegs “nur” die Bewohner­in­nen und Bewohn­er der von Ihnen erwäh­n­ten 3 Bezirke vom Fluglärm betrof­fen sind. Zählen Sie Pankow, Pren­zlauer Berg, Teile von Mitte und Weis­sensee, Steglitz u.a. mit dazu. Ich wohne im Bezirk Pren­zlauer Berg in einem Wohnge­bi­et, das offiziell nicht zur lär­mge­plagten Region gehört. Lei­der messen wir hier einen um das 2–5-fach erhöht­en Lärm­pegel. Schlafen bei offen­em Fen­ster? Nicht möglich. Lärm­schutz in den Nacht­stun­den? Kein The­ma. Gesund­heits­ge­fahren, die vie­len Men­schen schein­bar gar nicht bewusst sind. Die Lärmkarte Berlins gibt übri­gens Auskun­ft über die tat­säch­liche Lärm­be­las­tung, der wir Berliner­In­nen aus­ge­set­zt sind. Ich schlage vor, die Diskus­sion sach­lich zu führen und da gehören Gefährdun­gen für ein Großteil der Bevölkerung an erste Stelle, oder was denken Sie?

Kommentare sind geschlossen.