„Dann zieh’ doch weg“, lese ich . . .

Ein Beitrag von Jasmin Tabatabai 

Liebe Freunde, liebe Berliner, liebe  Berlinerinnen

seit 2005 wohne ich mit meiner Familie in Pankow-Niederschönhausen. Und wie viele andere liege ich zurzeit oft nächtens wach. Nicht nur wegen der Flieger, die selbst zu nachtschlafender Zeit über meinen Kopf hinwegdonnern, sondern auch aus Sorge und Ärger.

Ich ärgere mich, dass ich in die Situation gebracht worden bin, mir überlegen zu müssen, ob ich es meiner Familie gegenüber verantworten kann, hier wohnen zu bleiben, sollte dieser Volksentscheid dazu führen, dass Tegel dauerhaft offengehalten wird. Seit fünf Jahren warten wir sehnlichst und geduldig darauf, dass dieser höllische Fluglärm, der Tag für Tag und Nacht für Nacht über uns hinwegzieht, endlich aufhört. Immer wieder wurden wir vertröstet, während der Flugverkehr Jahr für Jahr anstieg; immer unerträglicher wurde die Situation für uns alle. Und nun bekommen wir, als Quittung für unsere Geduld, in Aussicht gestellt, dass dies ewig so weitergehen soll.

Als habe es niemals eine klare Ansage gegeben

„Dann zieh’ doch weg“, lese ich im Internet, „bist doch selber schuld: Erst in die Einflugschneise ziehen und dann jammern!“ Als habe es niemals eine klare Ansage, ja Verträge und von Gerichten bestätigte Beschlüsse gegeben. Als sei niemals das klare Versprechen gegeben worden, dass der Flughafen Tegel nach der Inbetriebnahme des BER schließen werde ‒ eine Rechtslage, auf die sich zigtausend (meist junge) Familien verlassen haben und nach der sie ihre Lebensplanung gestaltet haben. Als sei es das Normalste auf der Welt, dass man ein Versprechen bricht, Recht und Gesetz übergeht und die Pankower, Weddinger, Spandauer und Reinickendorfer verhöhnt, die immer schon hier gelebt haben, die die große Mehrheit der Anwohner darstellen und denen man seit zwanzig Jahren Ruhe verspricht, die nicht eintritt.

Populistischer Stimmenfang

Das macht mich unfassbar wütend. Und ich frage mich: Wenn wir das durchgehen lassen, wenn die Politik in dieser Frage einknickt ‒ was sagt das aus über das Land, in dem wir leben? Sind Verträge, gefasste Beschlüsse, ist das gegebene Wort bereits dann nichts mehr wert, wenn es um nichts anderes als populistischen Stimmenfang geht?

Denn der ist es doch letztlich, weswegen dieser ganze Zinnober stattfindet. Ich finde es unerträglich, dass eine verantwortungslose Partei den Leuten vorgaukelt, sie könnten hier ganz schnell und einfach mit einem Kreuzchen etwas entscheiden, während sogar jene Rechtsexperten, die einer Offenhaltung nicht abgeneigt sind, eine satte Viertelstunde brauchen , um zu erklären , wie eine solche „rein theoretisch vielleicht nicht ganz unmöglich sein könnte“; von finanziellen Aspekten und Sicherheitsproblemen mal ganz abgesehen. Ist es das, was wir für die Zukunft unserer Stadt wollen? Jahrelanger Rechtsstreit? Ein milliardenschweres Sanierungsprojekt? Wütende, geprellte Anwohner, die auf die Barrikaden gehen?

Ich glaube, kaum einer derjenigen, die so leichtfertig sagen, der gute alte Tegel sei doch so praktisch und so schön nah, hat wirklich eine Vorstellung davon, was dieser anachronistische Flughafen für uns Anwohner bedeutet. Bis jetzt waren jedenfalls alle meine Freunde, die mich hier besucht und vor Ort die Situation miterlebt haben, sprachlos über die Intensität des Fluglärms, dem sie plötzlich ausgesetzt waren: „Das ist der Fluglärm von Tegel? So laut ist das? Ich hab gedacht, da kommt gleich einer runter!“ Und wenn ich ihnen dann erzähle, dass dieser Krach regelmäßig bis weit nach Mitternacht geht, ja, dass auch nach Mitternacht noch jede Nacht mindestens drei, vier Flieger kommen und gehen, dass das Ganze pünktlich morgens um sechs wieder anfängt und dass sich die Anzahl der Flüge in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat ‒ dann wissen meine Besucher ganz schnell, wo sie bei diesem Entscheid ihr Kreuz machen werden.

Zweieinhalb Minuten im Tiefflug über die Köpfe von 300 000 Menschen

Flugzeug bei der Landung am Flughafen TXL in 50 m Höhe über dem Kurt-Schumacher Platz.
Lautstärke am Boden: 90dB.

Vergleichbarer Lärm:
• Güterzug 100 km/h in 25 Meter Entfernung
• Schwerer LKW 75 km/h in 7,5 Meter Entfernung
• Benzinrasenmäher in 2 Meter Entfernung
• Motorrad in 5 Meter Entfernung

Quelle: FBB – Foto: Dirk Ingo Franke  Wikimedia

 

Zweieinhalb Minuten fliegt ein Flugzeug im Landeanflug auf Tegel über dicht besiedeltes Wohngebiet. Zweieinhalb Minuten im Tiefflug über die Köpfe von 300 000 Menschen. Kaum irgendwo in Europa, dürften wohl so viele Menschen solch einem massiven Fluglärm ausgesetzt sein. Menschen, die arbeiten gehen, um ihr Leben zu bestreiten und Steuern zu zahlen, und die nach getaner Arbeit einfach nur nach Hause und dort zur Ruhe kommen wollen ‒ und müssen! Denn was bedeutet ein Zuhause sonst außer Ruhe, Geborgenheit, Erholung? Menschen, die ihre Fenster aufmachen wollen, um Luft zu bekommen, ohne dabei infernalischen Krachintervallen ausgesetzt zu sein. Hier wohnen Familien mit Kindern, die ihren Schlaf brauchen, um ausgeruht vernünftig in der Schule lernen zu können. Kinder, die mit ihren Freunden auf den Spielplätzen spielen sollten, ohne sich dabei anzuschreien.

Lobbyisten und Populisten

Berliner und Berlinerinnen: Lasst euch nicht von Lobbyisten und Populisten missbrauchen! Dies ist unsere Stadt! Hier wohnen Familien! Und wir wollen doch, dass hier Familien wohnen und Berlin nicht zu einem Disneyland für Touristen wird, die über Airbnb für ein paar Tage hier einfallen und die es natürlich total praktisch finden, dass der Weg vom Airport zum billigen Besäufnis so schön kurz ist …

Wir Berliner müssen aufeinander achtgeben! Wir müssen dafür sorgen, dass es unseren Familien, unseren Kindern gut geht – und zwar überall! Das ist unsere Stadt! Das ist unser Himmel! Das ist unsere Luft! Wir müssen uns nicht gefallen lassen, dass im Interesse von Lobbyisten unnötig viel Dreck und Lärm über der Stadt verbreitet wird und dass man uns in dieser Frage spaltet und gegeneinander ausspielt. Wir Berliner müssen aufeinander aufpassen. Nicht nur, wenn es um die Schließung des Flughafens Tegel geht – aber dort als Allernächstes.

Darum bitte ich euch alle: Wählt NEIN beim Volksentscheid.

8 Gedanken zu „„Dann zieh’ doch weg“, lese ich . . .

  1. Als Wahlhelferin in einem Pankower Wahllokal habe ich erlebt, wie verunsichert viele Wähler waren. Der Wortlaut des Volksentscheides zum Flughafen Tegel war für viele Bürger einfach irreführend. Ich bin davon überzeugt, dass häufig unwissend das Kreuz statt bei Nein dann bei Ja gemacht wurde. Gerade ältere Menschen waren dabei überfordert. Auch jüngere Leute mussten den Text mehrmals lesen, um ihn zu verstehen. Viele Wähler haben über den irreführenden Text geschimpft. Auch die kleinen Broschüren, die viele Bürger mit dem Wahlbescheid zugeschickt bekommen haben, waren viel zu kompliziert geschrieben. Man hatte den Eindruck, dass die Bürger mit Absicht verunsichert werden sollten. Aber, warum lassen wir uns das gefallen? Mich würde interessieren, ob es eine Petition gegen diesen Wortlaut gibt. Wir Lärmgeplagten in der Einflugschneise zu Tegel müssen schließlich kämpfen. Es geht um viel!

  2. Das Ergebnis des Volksentscheides war abzusehen. Populistische Forderungen kommen zur Zeit überall gut an. Nachdem der Breit nun Realität wird, frage ich gar nicht mehr danach, warum Menschen sich immer öfter gegen ihre Zukunftschancen entscheiden. Trotzdem bin ich jetzt sehr frustriert, weil ich die Berlinerinnen und Berliner für cleverer gehalten habe. Auch wenn bei der Tendenz von 75 % auf 56 % zu erkennen ist, dass es Viele gibt, die Argumenten zugänglich sind, kann ich nicht verstehen dass bei einer täglich zunehmenden Wohnungsknappheit in der Stadt so viele Menschen gegen das Infrastrukturprojekt Tegel sind. Trotzdem sollten wir nun den Kopf nicht in den Sand stecken. Wir müssen weiterhin klar machen, dass Lärm krank macht. Die Politik hat die Aufgabe Bürger zu schützen. Auf dieses Recht sollten wir pochen. Notfalls mit massenhaften Krankmeldungen wegen Fluglärms.

    1. Wegziehen? Ja, das werden wir tun! Sollten meine Frau und ich tatsächlich erneut betrogen werden, sollte man beabsichtigen, uns nicht nur über Jahre sondern dauerhaft dem krank machenden Lärm auszusetzen, dann werden wir Berlin verlassen. Unsere Steuern können wir auch anderswo bezahlen.

  3. Danke für die Kommentare, insbesondere die ausführliche Darstellung von Jasmin. Bitte lasst uns weiter kämpfen. Der Volksentscheid war ein “fein” einfädeltes Ding der FDP. Viele WählerInnen im Wahllokal haben z.T. gar nicht verstanden, worum es richtig ging und die Tatsache, dass es keine klare Aussage zum Eröffnungstermin des BER gibt, hat das Ergebnis m.E. auch stark beeinflusst.
    Wer vorgibt, intelligent zu sein und alle gesundheitsschädlichen Auswirkungen von Fluglärm (alle 2 Minuten z.T. eine Überschreitung der zulässigen Werte um das 2-5-fache !) kennen müsste, handelt grob fahrlässig und/oder gewissenlos.

  4. Da die Einflugschneisen bei parallelen Betrieb von BER & Tegel so gar nicht funktionieren dürften, mein Vorschlag: Umleitung des Flugbetriebes über die Bereiche, die mit großer Mehrheit für Tegel bestimmt haben – Wilmersdorf/Zehlendorf/Charlottenburg. So hätten die Fans mal auch was von davon. Ich in Pankow würde mich dann entspannt zurücklehnen im Haus und Garten und denen den Krach überlassen, die dafür gestimmt haben. Denn die meisten Befürworter sind davon in keiner oder nur geringer Weise betroffen…
    Und den Reinickendorfern, die den Irrsinn hier auch freiwillig weiterbetrieben wissen wollen: Selbst im lärmgeprägten Pankow finden die meisten Zuzüge statt und man zahlt inzwischen 14,-€/qm warm! Mieten steigen also immer, Tegel-Erhalt hin oder her…

  5. ich schließe mich den Kommentar von Jasmin Tabatabai kompromisslos an: Tegel als Flughafenstandort muss geschlossen werden. Aus Wirtschaftsräumen lassen sich Naturräume und Sozialräume schaffen – wenn alle mitziehen. Die Macht dem Volk und nicht den machthungrigen Köpfen von CDU, FDP und AfD – hier geht es um Menschen und ihre Bedürfnisse -Wir alle haben ein Recht auf angemessene Ruhe, Freiraum und Lebensqualität in einer Stadt wie Berlin. Die wichtigsten Personen sind die Kinder mit ihren Rechten und Bedürfnissen, wenn die nicht gehört werden, müssen wir uns nicht wundern was aus ihnen wird.
    Dagmar Collinet

  6. Herr Czaja ist ein Populist,
    ihr wißt vielleicht nicht, was das ist?

    Ein Populist, das ist ein Mann,
    der viel verspricht
    und wenig kann.

    Kein Konzept dahinter,
    aber die Macht,
    die will er später.

    (frei nach Erich Kästner)

  7. Liebe Berliner*Innen, liebe “Tegel-Retter”, dem ist nichts hinzuzufügen außer vielleicht: Sind euch eure Mitmenschen eigentlich schon so egal, dass ihr die berechtigten Anliegen eurer Nachbarn gar nicht mehr zur Kenntnis nehmt? Was geht in euren Köpfen vor, wenn ihr die Parolen der Czaja-Populisten und seinen Anhängern aus AfD und Teil-CDU zum Maßstab eures Handelns macht? Ist es dieselbe Gleichgültigkeit, mit der man an sterbenden alten Menschen in einem Vorraum einer Bankfiliale vorbei geht? Ich hoffe nicht, denn wer möchte schon selbst mal Opfer dieser Art des Zusammenlebens werden? Aus purer Häme sein Kreuz beim Volksentscheid bei Ja zu machen ist auch nicht besser. Lassen Sie sich das mal durch den Kopf gehen. Dann können Sie nur noch Ihr Kreuz bei NEIN machen.

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