Newsletter Dezember 2015

Volksbegehren „Berlin braucht Tegel“

Popu­lis­ti­sche Geis­ter­de­bat­te setzt auf Ahnungs­lo­sig­keit der Bür­ger

Die Sache gilt juris­tisch als chan­cen­los, aber dürf­te aber bei Tegel-Fans, die nicht in der Ein­flug­schnei­se woh­nen, popu­lär sein. Ein Volk­be­geh­ren für die Offen­hal­tung von Tegel. Gemein­sam mit der FDP hat die Initia­ti­ve „Ber­lin braucht Tegel“ am Diens­tag ein Volks­be­geh­ren für den Wei­ter­be­trieb des Flug­ha­fens Tegel gestar­tet. Seit Jah­ren wird immer in regel­mä­ßi­gen Abstän­den dis­ku­tiert, den inner­städ­ti­schen Flug­ha­fen Tegel nach der Inbe­trieb­nah­me des neu­en Groß­flug­ha­fens BER ein­fach wei­ter am Netz zu las­sen.

Eine Geis­ter­de­bat­te in Zei­ten, wo weit­aus grö­ße­re Pro­ble­me die öffent­li­che Dis­kus­si­on beschäf­ti­gen soll­ten. Der Ver­ein Pro Tegel e.V. und die FDP Ber­lin, ver­tre­ten durch Sebas­ti­an Cza­ja, Bru­der des Ber­li­ner Sozi­al­se­na­tors Mario Cza­ja, haben sich ent­schlos­sen, gemein­sam für den dau­er­haf­ten Erhalt des Flug­ha­fen TXL zu strei­ten. Unter der mar­ki­gen Zwi­schen­über­schrift „Was muss, geht auch“, wird der Ber­li­ner Senat auf­ge­for­dert, „sofort die Schlie­ßungs­ab­sich­ten auf­zu­ge­ben und alle Maß­nah­men ein­zu­lei­ten, die erfor­der­lich sind, um den unbe­fris­te­ten Fort­be­trieb des Flug­ha­fen Tegels als Ver­kehrs­flug­ha­fen zu sichern“. Inner­halb eines hal­ben Jah­res müs­sen sie 20.000 Unter­schrif­ten sam­meln um einen Volks­ent­scheid auf den Weg zu brin­gen.

Fakt ist: Ein rich­ter­lich fest­ge­leg­ter Plan­fest­stel­lungs­be­schluss, von höchs­ten deut­schen Gerich­ten bestä­tigt, sieht die Kon­zen­tra­ti­on des Lini­en-Flug­ver­kehrs in der Regi­on Ber­lin und Bran­den­burg auf den neu­en Flug­ha­fen BER vor. Nach des­sen Eröff­nung wird Tegel für den zivi­len Flug­ver­kehr geschlos­sen. Bestands­kräf­ti­ge Schlie­ßungs­be­schlüs­se des Senats legen das fest. Die Län­der Ber­lin und Bran­den­burg hat­ten 2006 gemein­sam ent­schie­den, dass Tegel geschlos­sen wer­den soll.

Berlin braucht Tegel” behauptet:

 1. Der BER ist zu klein

Der Flug­ha­fen BER soll maxi­mal 27 Mil­lio­nen Pas­sa­gie­re im Jahr bewäl­ti­gen kön­nen. Bereits im Jahr 2014 sind an den Ber­li­ner Flug­hä­fen 28 Mil­lio­nen Pas­sa­gie­re abge­fer­tigt wor­den und jedes Jahr kom­men etwa 2 Mil­lio­nen Pas­sa­gie­re hin­zu.

Wahr ist:

Die Aus­sa­ge stimmt, aber: Wenn der BER an Netz geht, wird mit einem Pas­sa­gier­auf­kom­men von 23 Mil­lio­nen gerech­net. Also so vie­le Pas­sa­gie­re, wie in 2015 in Tegel abge­fer­tigt wer­den. Zur Erin­ne­rung: Tegel wur­de in den 70er Jah­ren für rund 6 Mil­lio­nen Flug­gäs­te geplant. Um das womög­lich wei­ter stei­gen­de Flug­gast­auf­kom­men am BER bewäl­ti­gen zu kön­nen, ist in den nächs­ten Jah­ren geplant, den alten Flug­ha­fen in Schö­ne­feld par­al­lel zu betrei­ben. Zudem soll ein neu­es Ter­mi­nal neben dem BER-Nord­pier erreich­tet wer­den.

Tegel ist seit Jah­ren zu klein. 1974 ursprüng­lich für 6 Mil­lio­nen Pas­sa­gie­re geplant, wur­den 2014 rund 23 Mil­lio­nen abge­fer­tigt. Das bedeu­tet eine Über­be­las­tung von fast 400%. Inwie­weit Der BER wirk­lich zukünf­tig „zu klein“ sein wird, wird sich erst in der Zukunft zei­gen. Die Pro­gno­sen über die Stei­ge­run­gen der Pas­sier­zah­len sind auf­grund von zahl­rei­chen Fehl­ein­schät­zun­gen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren beson­ders einer Fir­ma in Exper­ten­krei­sen stark umstrit­ten.

2. Am BER droht Verkehrskollaps

Zwei Flug­hä­fen ver­tei­len die Last des Zubrin­ger­ver­kehrs In den letz­ten Jahr­zehn­ten konn­te sich der Flug­an­rei­se­ver­kehr auf den Ost- und West­teil der Stadt ver­tei­len. Die ein­sei­ti­ge Belas­tung des Ostens durch den BER könn­te den Ver­kehrs­kol­laps der Stadt bedeu­ten.

Wahr ist:

  1. Der BER ist durch eine moder­ne S-, bzw. Regi­no­nal­bahn-Anbin­dung mit der Innen­stadt ver­bun­den. Aus umwelt­po­li­ti­schen Über­le­gun­gen ein sinn­vol­les und not­wen­di­ges Ange­bot, den Anrei­se­ver­kehr mit Autos zu redu­zie­ren. Der Air­port-Express wird alle 15 Minu­ten zwi­schen dem Zen­trum und dem BER pen­deln. Die S-Bahn wird im Zehn-Minu­ten-Takt zum BER fah­ren Zudem will die BVG vom U-Bahn­hof Rudow, der der­zeit umge­baut wird, alle fünf Minu­ten Bus­se in Rich­tung BER anbie­ten. Wer hin­ge­gen in öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln nach Tegel fährt, kann dies nur mit Bus­sen tun.
  2. Zudem stellt die Zufahrt zum Flug­ha­fen neben erheb­li­chen sicher­heits­tech­ni­schen Pro­ble­men ein “Nadel­öhr” bei der Anrei­se dar.

3. TXL bietet Sicherheit

Wahr ist:

  1. Die Flug­ha­fen­dich­te ist in Deutsch­land so groß wie, in kaum einem ande­ren Land. Im Umfeld von Ber­lin ste­hen Leip­zig, Han­no­ver und Ros­tock im Not­fall als Aus­weich­flug­hä­fen zur Ver­fü­gung. Leip­zig ist in weni­gen Flug­mi­nu­ten vom BER zu errei­chen. Auch das Flug­kreuz Mün­chen ver­zich­tet im Hin­blick auf die Air­port-Dich­te auf einen Aus­weich­stand­ort.
  2. Die Sicher­heits­stan­dards in Tegel wer­den aktu­ell nur noch tole­riert, da der als Pro­vi­so­ri­um zuge­las­se­ne Flug­ha­fen kurz vor der Schlie­ßung steht. Das Roll­feld in Rich­tung Osten ist im Fal­le einer Not­lan­dung zu kurz. Bei einer unkon­trol­lier­ten Lan­dung gilt der Kurt-Schu­ma­cher-Platz als „Puf­fer­be­reich“. Das Flug­zeug wür­de man­gels aus­rei­chend vor­han­de­ner Roll­bahn durch die Häu­ser und Bau­ten rund um den Kurt-Schu­ma­cher-Platz „gebremst“ wer­den müs­sen.
  3. Die For­de­run­gen der Initia­ti­ve bedeu­ten außer­dem eine anhal­ten­de Gesund­heits- und Umwelt­be­las­tung (Lärm und Abga­se) für das gesam­te Stadt­ge­biet von Ber­lin, sie­he Umwelt­be­richt für das Jahr 2014 der Flug­ha­fen Ber­lin Bran­den­burg GmbH, Sei­ten 42 – 48, Flugspu­ren Regi­on Ber­lin-Bran­den­burg.

4. TXL macht Berliner Taxifahrer glücklich

TXL ermög­licht die Kon­kur­renz­fä­hig­keit unse­rer Taxen. Die rund 8000 Ber­li­ner Taxen müs­sen am Flug­ha­fen BER mit Bran­den­bur­ger Betrie­ben mit­hal­ten, die weni­ger Gewer­be­steu­er und nied­ri­ge­re Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge zah­len. Die Erhal­tung von Tegel wür­de für einen fai­ren Wett­be­werb sor­gen.

Wahr ist:

  1. Die Taxi-Innun­gen in Ber­lin und Bran­den­burg soll­ten Rege­lun­gen tref­fen, die sowohl die Ber­li­ner, als auch die Bran­den­bur­ger Taxi­un­ter­neh­men gleich­be­rech­tigt behan­deln. Leer­fahr­ten von und zum BER sind umwelt­tech­nisch nicht zu ver­ant­wor­ten.
  2. Zum Schutz der Umwelt wur­de zur Anbin­dung des BER ein umfang­rei­ches Ver­kehrs­netz geplant und teil­wei­se bereits rea­li­siert.
  3. Wir emp­fin­den zudem das anma­ßen­de Gere­de über die Bür­ger und die Lan­des­re­gie­rung in Bran­den­burg als anma­ßend und beschä­mend für eine Ber­li­ner Initia­ti­ve.

5. TXL macht Gewinn

Im Gegen­satz zum Mil­li­ar­den­grab BER erwirt­schaf­tet der Flug­ha­fen Tegel Jahr für Jahr einen ope­ra­ti­ven Gewinn – zuletzt 88 Mil­lio­nen Euro im Jahr 2014, die dem Land Ber­lin zum Bei­spiel für Schu­len, Stra­ßen­bau und Sicher­heit zur Ver­fü­gung ste­hen und weg­fal­len wür­den.

Wahr ist:

  1.  Seit Jah­ren wer­den am Stand­ort Tegel kei­ne rele­van­ten Inves­ti­tio­nen mehr getä­tigt. Mit rund 20 Mil­lio­nen jähr­lich wur­den not­dürf­tig Bau­schä­den etc. im Ter­mi­nal­be­reich aus­ge­bes­sert. Im Tech­nik­be­reich wur­den trotz ver­mehr­ter Sicher­heits­pro­ble­me im Hin­blick auf die Schlie­ßung kein Geld mehr inves­tiert. Bei einem Wei­ter­be­trieb wür­den laut Exper­ten erheb­li­che Inves­ti­ti­ons­sum­men  im drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich anfal­len. Also wahr­schein­lich weit mehr als die genann­ten 88 Mil­lio­nen.
  2. Seit Jahr­zehn­ten wur­de mit Bil­li­gung des Abge­ord­ne­ten­hau­ses, der Senats­ver­wal­tung für Finan­zen und des Bezirks Rei­ni­cken­dorf akzep­tiert, dass die Flug­ha­fen­ge­sell­schaft nur einen extrem nied­ri­gen Erb­bau­zins für das TXL-Grund­stück mit einer Flä­che von 1,59 Mil­lio­nen Qua­drat­me­tern zah­len muss. Bis Mit­te 2012 lag die „Pacht­ge­bühr bei 900.000 € im Jahr. Der Grund­stücks­wert des TXL-Gelän­des liegt bei ca. um 50 Mil­lio­nen €.
  3. Bei einem Wei­ter­be­trieb von Tegel wür­den bei ca. 400 000 Tegel-Anwoh­nern Schall­schutz­maß­nah­men not­wen­dig, die Kos­ten ver­ur­sa­chen wür­den, die weit über denen rund um den BER liegen(ca. 100.000 Haus­hal­te). Kon­kret heißt das: Für elf­tau­send Haus­hal­te am BER kos­tet der Schall­schutz 660 Mil­lio­nen Euro. Für Tegel wwür­de das Dop­pel­te bis Drei­fa­che der Kos­ten anfal­len.

Hin­ter­grund: Die For­de­rung der Initia­ti­ve, den „unbe­fris­te­ten Fort­be­trieb des Flug­plat­zes Tegel als Ver­kehrs­flug­ha­fen zu sichern“, kal­ku­liert einen jähr­li­chen Gewinn von 88 Mio €, die benö­tigt wer­den, um dar­aus ent­ste­hen­de Kos­ten bestrei­ten zu kön­nen. Das bedeu­tet nichts ande­res, als dem künf­ti­gen Flug­platz BER 360.000 Flug­be­we­gun­gen jähr­lich, also mehr als 50 %, zu ent­zie­hen. Die­se wur­den jedoch im gericht­lich bestä­tig­ten Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­ren fest­ge­legt. Unter Umstän­den könn­ten es sogar mehr als 50 % sein. Mit sei­nem fest­ge­leg­ten und — nach Aus­künf­ten auf Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen der Obers­ten Luft­fahrt­be­hör­de Ber­lins– nicht redu­zier­ba­rem Koor­di­na­ti­ons­eck­wert von 52 Flug­be­we­gun­gen pro Stun­de, kann der Flug­ha­fen TXL im Jahr maxi­mal 322.660 Flug­be­we­gun­gen erzie­len (erlaubt sind 52 Flug­be­we­gun­gen pro Stun­de x 17 Betriebs­stun­den x 365 Tage). Wenn Tegel dem BER 322.660 Flug­be­we­gun­gen jähr­lich „abneh­men“ kann, blei­ben für den BER 37.340 Flug­be­we­gun­gen. Bei­de Kon­stel­la­tio­nen wären wirt­schaft­lich das Aus für den BER. Die 88 Mio € Gewinn im Jahr 2014 basie­ren u. a. auf 182.197 Flug­be­we­gun­gen (Starts und Lan­dun­gen) im Jahr 2014. Das sind 72% der gesam­ten Starts und Lan­dun­gen. Ins­ge­samt waren das in Tegel (TXL) und Schö­ne­feld (SXF) 252.522 Flug­be­we­gun­gen (Quel­le: Flug­ha­fen Ber­lin Bran­den­burg GmbH; Umwelt­be­richt 2014, S.11).

Werden die Unterzeichner der Unterschriften-Aktion denn überhaupt von der Offenhaltung von Tegel profitieren?

Wir behaupten: NEIN!

Da die For­de­rung der Initia­ti­ve „unbe­fris­te­ter Fort­be­trieb des Flug­ha­fens Tegel als Ver­kehrs­flug­ha­fens“, juris­tisch aus­sicht­los ist, hof­fen die Initia­to­ren womög­lich, das Tegel als Mili­tär­flug­ha­fen wei­ter­exis­tiert. Dazu gehö­ren auch die Flü­ge der Bun­des­re­gie­rung. Ein „Neben­ef­fekt“: dem zivi­len Ver­kehr könn­ten „Gast­rech­te“ ein­ge­räumt wer­den. Z.B. für pri­va­te Geschäfts­flie­ger. TXL wür­de damit zu einem „Pre­mi­um-Flug­ha­fen“ für eli­tä­re Bedürf­nis­se. Die von der Initia­ti­ve vor­ge­tra­ge­nen „volks­na­hen“ Argu­men­te wür­den zur Far­ce.

Wir befürch­ten: die Ein­lei­tung eines Volks­be­geh­rens ist popu­lis­ti­scher Stim­men­fang. Die Unter­zeich­ner wer­den nicht in Tegel star­ten und lan­den kön­nen. Außer sie rei­sen in einem Pri­vat­jet an.